Die Heymat des Hans-Gert Pöttering (CDU) Drucken
Donnerstag, den 19. Januar 2012 um 07:57 Uhr

„Die freiheitlichen und demokratischen Werte Europas, sein jahrtausendealtes geistiges Erbe können Rahmen für Heimat sein. Füllen werden es die Menschen. Unsere Nachbarn in Tunesien, Ägypten oder Syrien setzen ihr Leben aufs Spiel für Werte, die Europa hervorgebracht hat, für gutes Leben und Wohlstand, wie es Europa seinen Bürgern im letzten Jahrhundert ermöglichte. Viele dieser Menschen verlassen ihre Heimat, um eine neue Heimat zu finden.“ (Pöttering (CDU) im Hamburger Abendblatt, 17.01.2012)

Verlust der Heimat - Millionen völlig schuldlose Deutsche: Frauen, Greise, Kinder wurden nach dem von ihnen sicher nicht verursachten Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat, aus allen ihren Bezügen herausgerissen in die erste und bisher immer noch größte ethnische Säuberung der (europäischen?) Geschichte. Sie wurden innerhalb ihres eigenen Landes vertrieben und in den zerstörten Regionen, die sie aufnehmen mussten, weiß Gott nicht mit offenen Armen empfangen.
Homogene und geprägte Gebiete erfuhren eine Umwälzung der Bevölkerungszusammensetzung: rein katholische, rein protestantische Gebiete wurden religiös durchmischt, Bräuche und Traditionen verändert, typische Lebensweisen wechselten den Charakter.
Das alles war (schwer) zu ertragen, so manche Wunde heilte jedoch die Zeit; der eine war anpassungsfähiger als der andere, und es gab ja auch noch Fixpunkte, die den Verlust der Heimat weniger unerträglich machen konnten.
Zunächst gab es die Familie. Die Zusammenführung nach der Katastrophe war nicht leicht, in den meisten Fällen gelang sie jedoch.
Dann war da die Kirche: in ihrem Kult, auch wenn er möglicherweise im Rheinland etwas anders gelebt wurde als im Ermland, fand sich ein Stück Geborgenheit. Insbesondere die Kirche in der BRD hat es geschafft, einen erheblichen Beitrag zur „Stabilisierung“ der Vertriebenen zu leisten. Das ist ein großes Verdienst.
Auch der Staat hat in den ersten Jahren, vielleicht Jahrzehnten viel dazu beigetragen, dass Vertriebene in der BRD ihr Schicksal erträglich leben konnten, und mit der eigenen Tüchtigkeit konnte viel neu aufgebaut werden.
Vermutlich wurde der ersten Generation der Vertriebenen die BRD nicht unbedingt zur Heimat, aber wenigstens zu einem recht auskömmlichen „Zuhause“, in dem man auch ohne die demokratischen und freiheitlichen Werte sinnvoll leben konnte, weil im Laufe der Zeit (neue) Bindungen und Beziehungen entstanden. Auch materiell hat jene Generation im allgemeinen einen erfreulichen Aufstieg erfahren.
Und doch will es scheinen, dass der Text des Herrn Pöttering (CDU), der immerhin Amtsvorgänger des EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz war (von dem – Schulz - ganz böse Zungen sagen, er sei die Verkörperung des häßlichen Deutschen und jedem denkbaren System gerne willig) eine sehr beachtliche Realitätsferne zeigt. Wie Menschen ein „Erbe“ freiheitlicher und demokratischer Werte „füllen“ können, bleibt unverständlich, vor allem dann, wenn dieses unser System diesen unseren Nachbarn völlig fremd und in ihrem Denken nicht vorhanden ist. Muss der Nordafrikaner, der den angeblich in ihm steckenden kleinen Demokraten endlich herauslassen will, dieses unbedingt in Europa tun? Hat er nicht gerade eben, Jasminblüten streuend, die weltweit und bekanntlich auch bei den BRD-Politikern verhassten Tyrannen und Diktatoren zum Teufel gejagt und sich die Freiheit erkämpft?
Und weiter: „Beheimatung“ in der Familie. Die Scheidungsrate nicht nur in der BRD ist enorm. Kinder können früh in Krippen abgeschoben werden, damit Mama sich wieder in den Produktionsprozess eingliedern lassen kann. Kinder wachsen in allen denkbaren und undenkbaren „Familien“-Konstellationen auf und können keinerlei feste Bezüge zu wechselnden Lebensabschnittspartnern aufbauen; ihnen fehlt jegliche geborgene Sicherheit. Wie können solche Menschen (und das ist nicht die erste Generation, die so geprägt wird) ein Gefühl für „Heimat“ entwickeln?
Wenn dem schon so ist: da ist ja noch die Kirche. Ist sie das? Erfährt der Suchende in dieser Kirche wirklich Halt und Orientierung, in einer Kirche, die anscheinend alles segnen will, was sich bewegt oder auch nicht bewegt, die keinerlei Richtung mehr vorgibt, sondern erzählt, der Weg sei das Ziel? Eine Kirche, in der viele, vor allem „junge“ (so es sie denn gibt) Funktionäre ein Glaubenswissen haben, das von einem Erstkommunikanten der 60er Jahre locker überholt wird? Deren Kult oft oberflächlich und manchmal lächerlich entstellt wird?
Wenn schon nicht mehr Familie und Kirche, so bleibt doch noch die Gemeinde. Allerdings: wie zerstört unsere Städte sind, ist uns ganz besonders bewusst geworden, als die zum Teil wunderschönen Städte in der ehemaligen DDR restauriert waren. Mit den Fassaden jener Städte kann man sich eher identifizieren als mit den gesichts- und seelenlosen Bauhaus-Ausgeburten, die unsere Städte im Westen verschandeln. Man muss schon recht eigentümlich sein, um z.B. das Nachkriegsköln auch nur akzeptabel zu finden, abgesehen davon, dass man den Eindruck haben könnte, dass manche Straße, manches Viertel der Städte im Westen sprachlich und kulturell die „freiheitlichen und demokratischen Werte Europas, sein jahrtausendealtes geistiges Erbe“ nur sehr, sehr eingeschränkt zu schätzen weiss oder gar auf der Suche danach ist.
Man hat uns die Heimat genommen und eine „Heymat“ daraus gemacht: das ist allen Ernstes ein sozialwissenschaftliches Forschungsprojekt der Humboldt-Universität zu Berlin, es steht als scheinkreative Abkürzung für „Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle“, dem sich die bekannte Rechenkünstlerin Naika Foroutan verschrieben hat. Es widmet sich den “Neuen Deutschen”, gemeint sind MenschInnen mit Migrationshintergrund, die eine hybride Identität haben bzw. haben sollen.
In ein solches Denkmuster passt auch Herrn Pötterings (CDU) neue Heimat und Identität. Herr Pöttering (CDU) denkt wirklich so. Dass allerdings jene hybriden Identitäten ein jahrtausendealtes europäisches Erbe nebst der daraus folgenden Demokratie und Freiheit als Rahmen für ihre neue Heimat annehmen, das bezweifeln wir schon deshalb, weil dieses Erbe uns selbst bereits erfolgreich enteignet und auf den Müll geworfen worden ist. Wie soll das attraktiv sein?
Allerdings ist Herrn Pöttering (CDU) zu danken, und zwar für die Offenheit, mit der er die Karten auf den Tisch legt.
JV