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Euthanasie - unsere todbringende Gesellschaft PDF Drucken E-Mail
Samstag, den 15. Februar 2014 um 09:48 Uhr

Der Philosoph Jean-François Mattéi, Ethiker und Mitglied des Institut Universitaire de France, reagiert in einem Interview mit dem Figaro auf die Legalisierung der Euthanasie Minderjähriger in Belgien und auf den Fall Vincent Lambert in Frankreich. Lambert liegt seit einem Unfall seit Monaten im Koma, Familie und Ärzte sind über das weitere Vorgehen auch untereinander zerstritten. Mattéi, der ein engagiertes Essay über die "Erschöpfung der europäischen Kultur" geschrieben hat, sieht tiefere Ursachen für die Problematik.

Belgien ist seit gestern das erste Land der Welt, in dem die Euthanasie Minderjähriger legal ist. Was denken Sie über diesen Beschluß?

Wir leben in einer todbringenden Gesellschaft, die unter dem Deckmantel der Menschlichkeit bzw. der Menschenfreundlichkeit jene störenden, schwachen oder kranken Menschen beseitigen will, die nicht den Kriterien eines liberalen Individuums entsprechen. Hinter alledem versteckt sich eine utilitaristische Sichtweise, die insbesondere in den Werken des australischen Philosophen Peter Singer entwickelt wird, der von Neugeborenen als von „Unpersonen“ spricht und die Euthanasie und sogar den Kindesmord an diesen „Überzähligen“ rechtfertigt. Als Jacques Monod 1965 den Nobelpreis für Biologie erhielt, sagte er bereits voraus dass „die moderne Welt nicht um die Eugenik herumkomme.“

Steht es dem Staat zu, Entscheidungen über so heikle Themen wie das Lebensende zu treffen?

Endgültige Entscheidungen über das, was man so scheinheilig "Lebensende" nennt, sollten nur von den Medizinern oder von der Familie getroffen werden können. Die Gesetzgebung ist per definitionem allgemeingültig; in dieser Frage jedoch hat man es mit so extrem speziellen Fällen zu tun, die von einer Fülle verschiedener Faktoren abhängen. Der Staat ist ein kaltes Monster, eine Abstraktion, er kann diese unendlich vielen verschiedenen Gegebenheiten gar nicht einbeziehen, durch welche deise immer tragischen und ganz speziellen Fälle geprägt sind.

Im Fall der Affaire Vincent Lambert hat man gesehen, daß das Gesetz nicht ausreicht, um auf alle diese Situationen angemessen zu reagieren. Ist es an den Richtern, in letzter Instanz über das Leben eines Menschen zu entscheiden?

In dieser Angelegenheit hat der Staatsrat nicht wirklich die Wahl; es gibt keine richtige Lösung, sondern nur mehr oder weniger schlechte Lösungen. In erster Linie muß alles getan werden, das Leben zu erhalten, und wenn das nicht möglich ist, dann muß der Mediziner in Abstimmung mit der Familie entscheiden. Im Fall Vincent Lambert, wo die Familie gespalten ist und die Ärzte geteilter Meinung sind, müssen die Richter eine Entscheidung fällen, um einen unerträglichen Status Quo zu beenden.

Was denken Sie bei dem Ausdruck "Recht auf einen würdigen Tod", den die Befürworter der Euthanasie anführen?

Der Bezug auf ein "Recht auf einen würdigen Tod" ist absurd. Von welcher Würde ist denn da die Rede? Wenn Vincent Lambert völlig ohne Bewußtsein ist, dann kann er nicht "in Würde sterben". Er stirbt, Punkt, das ist alles. Selbst der Ausdruck "Lebensende" ist Heuchelei und soll eine unerträglich gewordene, weil jedem Einzelnen unvermeidliche Wirklichkeit verschweigen und unterschlagen: den Tod. Man kann ein würdiges Leben haben, ein "würdiger Tod" jedoch hat überhaupt keinen Sinn. Diejenigen, die unbedingt die Apparate in den Krankenhäusern abschalten wollen, sind übrigens meistens bei bester Gesundheit und im Vollbesitz ihrer geistigen und Körperlichen Kräfte, sie übertragen ihre Vorstellung von einem würdigen Leben auf Situationen, von der sie überhaupt keine Ahnung haben. Suie verschaffen sich auf billige Weise ein gutes Gewissen, indem sie versuchen, die Experten, die Bioethik-Spezialisten herauszuhalten und sich an die Journalisten und die öffentliche Meinung zu wenden.

Wie soll man denn gegen die Diktatur der Emotionen kämpfen, die in der Frage der Euthanasie allgegenwärtig ist, da doch immer wieder ganz besonders bewegende Fälle angeführt werden, um die Öffentlichkeit zu überzeugen?

Unsere Zivilisation ist von Wissenschaft, Technik, Kälte und Informatik geprägt, und zugleich versucht man, diese Kälte durch eine ständige Gefühlsüberflutung zu kompensieren. Der normale Bürger wird zu allem und jedem befragt, und der Meinung der Experten (Philosophen, Mediziner, Juristen) wird dieselbe Bedeutung zugemessen wie derjenigen des Mannes auf der Straße.

In unserer Gesellschaft ohne Jenseitsbezug ist es eben der Mensch, der als letzte Instanz existenzielle Fragen entscheiden muss. Aber welcher Mensch soll entscheiden? Der Experte, der Journalist, der Politiker, der Mann auf der Straße? Genau das ist der Fehler unserer demokratischen Gesellschaften, und genau das macht unsere gesellschaftlichen Debatten so fruchtlos.

Was aber können die Experten tun, wenn 92 % der Franzosen sich für die Legalisierung der Euthanasie aussprechen?

Man kann nichts tun. Das ist eben die Spielregel der Demokratie, jene, die – ich darf daran erinnern – Hitler 1933 an die Spitze des Staates brachte und 1940 Pétain die gesamte Machtfülle übertrug. Das ist das Risiko jeder Demokratie, und ganz besonders der meinungsgelenkten Demokratien, in denen wir leben, daß man hin- und herschwankt in dem, was Tocqueville die "Tyrannei der Mehrheit" nannte. Man hat die Todesstrafe 1981 abgeschafft, als die Mehrheit der Franzosen für die Abschaffung war, und heute stellt man fest, daß die Franzosen wieder mehrheitlich für die Todesstrafe sind: soll man die Todesstrafe nun wieder einführen?

(Übers.: JV)

 

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