Civitas Institut

Wir brauchen eine zweite Aufklärung PDF Drucken E-Mail
Samstag, den 01. Februar 2014 um 18:16 Uhr

Vor 230 Jahren ist ein Text erschienen, der sich natürlich auf die damaligen Verhältnisse bezog. Und doch wirkt er brandaktuell, wenn man ihn auf die heutigen Verhältnisse bezieht – was der Autor möglicherweise billigen würde. Wir wollen uns erlauben, den Text auszugsweise in unsere tägliche Wirklichkeit zu übertragen.

„AUFKLÄRUNG“, schreibt unser Autor, „ ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Und das definiert er so: „ Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.“ Und daraus ergibt sich dann die Aufforderung: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen“, fährt er fort – und hier wird es hochaktuell! - „warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.“ Ja, es gibt sie, diese Zeitgenossen, die sich gerne damit begnügen, vorgekaute Ansichten zu übernehmen. Ob das schuldhaft ist, das muss hier nicht diskutiert werden; offensichtlich hat sich aber seit 230 Jahren nicht ausnehmend viel Fortschritt ergeben. Immer noch gibt es ihn, dem es aus verschiedensten Gründen unmöglich ist, sich ein wirklich tragfähiges Urteil zu bilden, sei es dass er beruflich und / oder familiär zu sehr belastet ist, sei es dass seine intellektuellen Möglichkeiten eher begrenzt sind. Ob man unbedingt Faulheit und Feigheit voraussetzen muss, ist auch nicht so wichtig. Entscheidend ist die Tatsache, dass nach wie vor und trotz über 230 Jahren Aufklärung hier anscheinend nur wenig Wandel stattgefunden hat.

Unser Autor schreibt weiter: „Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“ Dieser Satz spricht uns ganz direkt an. Heute geht es allerdings nicht mehr um Buch, Seelsorger oder Arzt, es ist aber der exakt gleiche Sachverhalt angesprochen: in den Medien werden wir genau informiert, was wir zu glauben haben.

Wir wissen, dass Putin böse ist (dabei hat er u.a. gerade Maßnahmen zum weiteren Lebensschutz ergriffen, in Russland wird an jede Klinik eine Schwangeren-Beratungsstelle angeschlossen). Wir wissen, dass Masseneinwanderung nur Vorteile bringt, weswegen wir die wenigen Nachteile gerne in Kauf nehmen. Wir wissen um die Gefahr des Rechtsradikalismus und um den heldenhaften Kampf der Antifa gegen eben diesen. Und über die revolutionäre Situation in Frankreich, das sich immer zorniger gegen das sozialistische Menschenexperiment des Republikpräsidenten Hollande und seiner Mittäter erhebt, darüber brauchen wir nichts zu wissen. Unsere hiesigen Sozialisten, Kommunisten und Maoisten in der BRD verkleiden sich als Konservative und gehen viel geschickter vor, weswegen hier auch keine revolutionäre Situation herrscht, sondern alle gebannt im Dschungelcamp mitzittern.

Dass eine Pro-Abtreibungs-Demonstration heute in Paris nach lächerlichen sechs Minuten Umzug mangels Demonstrantenmasse (und auch mangels intelligenter Sprüche) peinlich abgeblasen werden musste, dass brauchen wir nicht zu wissen. Dass der Berliner Flughafen wiederum ein paar läppische Milliönchen teurer wird, die dann anderswo fehlen, das ist ein Thema fürs Kabarett. Ein Bischof, der den Finanzplan für ein sehr geschmackvolles Diözesanzentrum vergleichsweise bescheiden überschreitet, der ist Thema für abstoßende, weil nur allzu dumme und durchsichtige Haßorgien in Medienkampagnen. - Und beruhigend: der allergrößte Teil der heutigen Geistlichkeit (bis in die allerhöchsten, aber bescheidensten Ränge hinauf) erklärt uns, daß wir sowieso alle in den Himmel kommen. Wer sind da wir, daß wir richten könnten? Die Seelsorger haben ja Gewissen für uns!

Und der Arzt, den unser Autor damals ansprach? Es will scheinen, dass er heute für einen alles kontrollierenden, überwachenden, seinen angeblich freien Bürger ständig erziehenden und bevormundenden Staat stehen kann. Müssen wir da noch Beispiele heranziehen? Fängt es nicht auf der Autobahn an, wo wir alle paar Kilometer gemahnt werden, nicht zu schnell zu fahren, nicht zu telefonieren und uns doch anzuschnallen. Und: endet es wirklich in der Schule, wo mehr Zeit für ideologische Indoktrination vorgesehen ist als für den Erwerb solider Grundlagen-Kenntnisse: Absicht? Na klar! „Andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“

Und dann kommt unser Autor auf die „Hintermänner“ zu sprechen: „Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen.“

An dieser Stelle müssen wir nun nichts mehr erläutern, das ist doch deutlich genug. Wie optimistisch unser Autor vor 230 Jahren noch war, das können wir wegen der seither gemachten Erfahrungen nicht mehr so ganz nachvollziehen. Er schreibt: „Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.“ In jenen hartnäckigen Fällen, in denen trotzdem Gehversuche gemacht werden, hat man heute auch Abschreckungsmittel, die nur ganz selten nicht wirken. Manchmal sind es gewisse Keulen, manchmal auch handgreiflichere Ermahnungen, die erfolgreich einschüchtern und gemeiniglich von allen ferneren Versuchen abschrecken.

„Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: Räsonniert nicht! Der Offizier sagt: Räsonniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: Räsonniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: Räsonniert nicht, sondern glaubt! (Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: Räsonniert, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt, aber gehorcht!) Hier ist überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung hinderlich, welche nicht, sondern ihr wohl gar beförderlich? – Ich antworte: Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen. (…).“

Ach ja... Einsatz der Vernunft gegen eine Ideologie der Menschenversuche, Ausgehen von der bestehenden Realität und von dem, was unveränderbar zum Menschsein dazugehört, statt hirngespinstigen Wunschvorstellungen nachzuhängen, die in anderen Phasen des Experiments schon unendliches Leid verursacht haben. Freiheit, sagt der hl. Thomas von Aquin, sei immer eine Freiheit „wovon“ und eine Freiheit „wozu“. Möglich, dass er und unser Autor sich darüber recht fruchtbar unterhalten hätten.

Die erste hat nicht geklappt. Wir brauchen eine zweite Aufklärung. In Freiheit.

(Textauszüge aus: Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: was ist Aufklärung, Berlinische Monatsschrift. Dezember-Heft 1784, S. 481)

JV

 

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