Civitas Institut

„High! Ich bin der Georg,... PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, den 20. März 2013 um 09:06 Uhr

… und ihr könnt mich duzen!“ In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts betraten Lehrer die Klassen- und Lehrerzimmer, die so ganz anders als ihre älteren Kollegen waren. Sie trugen keinen Anzug, kein weißes Hemd, keinen Schlips mehr. Sie legten keinen Wert darauf, dass die Klasse zur Begrüßung aufstand, und auch sonst warfen sie alles über Bord, das ihnen veraltet, überholt, hinderlich schien. Nicht wegen ihrer (der Lehrer) Autorität, sondern aus Liebe zur Sache sollten die Schüler lernen.

„Ihr könnt mich ruhig duzen“. Die älteren Lehrer schüttelten den Kopf, manche warnten, das könne doch nicht gutgehen. Das waren dann die Unglückspropheten, die noch nicht gemerkt hatten, dass man heute nicht mehr so an die Schüler herangehen kann wie in der autoritären Steinzeit der Pädagogik. Heute ist der Wind frischer geworden, er weht alles überholte, nutz- und sinnlose Zeugs und Brimborium ganz einfach davon, und was übrigbleibt, das ist die Essenz, der Kern, das Wichtige, das man dann klar vor sich sieht.

Ganz schnell fiel der sogenannte Frontalunterricht. Der Lehrer, der Wissen vermittelt – eine Horrorvorstellung! Die Schüler sollten selbst lernen und auch selbst entscheiden, was sie wann lernen wollten. Und zwischen den lernenden Gruppen sollte der Lehrer, nunmehr Moderator und Koordinierer, hin und her wechseln. Und Arbeitsblätter verteilen.

Die Schüler waren verwirrt, waren sie doch daran gewöhnt, angeleitet zu werden, überprüft zu werden und (natürlich nur „in Notwehr“) eine „Lernleistung“ zu erbringen. Sehr bald jedoch wurde ihr Kumpel Georg, der in Jeans und Pullover kam, zum beliebtesten Lehrer gewählt. Und weil er so locker war, eigentlich sogar einer „von uns“, darum wurde er auch Vertrauenslehrer: war er doch so ganz anders als jene verknöcherten Pädagogen, über die man ja in den einschlägigen Schulfilmen der 70er Jahre so herzlich lachen konnte. Das waren die Knörzeriche, diese alten Pauker, und jeder Schulleiter war ein Theo Lingen. Jedenfalls im Film.

Die Schüler merkten bald, dass sie eigentlich nichts lernten. Statt Goethe wurden im Leistungskurs Deutsch nun Märchen analysiert. In der Mathematik war das weniger möglich, aber die konnte man ja abwählen. Kurz: es fand, was die Noten anbetraf, eine ungeheure Bildungsexplosion statt. Man war's zufrieden: Note „eins“ ist Note „eins“, und Abitur ist Abitur.

„Wenn die Schüler das können – warum soll man das denn dann immer wieder wiederholen?“ fragte die Fachleiterin Pädagogik. Der eine oder andere alte Fremdsprachen- oder Mathematiklehrer schüttelte erschüttert den Kopf, aber das waren diejenigen, die von der neuen Pädagogik längst überholt waren und sowieso auf der Strecke blieben.

Die ersten Schüler staunten, als sie trotz Bestnoten in der Praxis von Beruf und Studium steckenblieben. Und es wurden immer mehr, immer mehr, welche steckenblieben, welche scheiterten. Manche begannen, zu murren und auf die faulen Lehrer zu schimpfen.

Und die Lehrer? Nun: viele scheiterten zusammen mit ihren ach so neuen, modernen und zukunftsträchtigen Vorstellungen. Sie hatten mit allem brechen wollen, etwas völlig Neues schaffen wollen, und nun erlebten sie, dass man ohne einen festen Grund nicht stehen kann, dass man ein Zwerg ist, der auf den Schultern anderer Zwerge stehen muss, um groß zu sein. Manche verzweifelten. Manche versuchten unter Einsatz aller ihrer Kräfte (und darüber hinaus), den zerstörerischen Kurs zu ändern. Andere suchten sich ein warmes Plätzchen hinter Schreibtischen, an denen sie immer neue zukunftsträchtige Ideen entwickelten, um das Schulsystem zu verbessern. Ein nicht geringer Teil entwickelte sich zu Tyrannen, welche ihre Vorstellungen mit Druck und Zwang durchsetzen wollten, weil sie doch gut und richtig waren, weil sie doch edle und hehre Ziele waren.

Währenddessen blühten Privatschulen. Dort unterrichteten Lehrer des „alten Schlages“: sie hätschelten die Schüler nicht, sondern machten sie stark im Gegenwind. Sie schenkten nichts (außer echter Zuneigung und Hingabe), und sie verlangten viel. Ihre Schüler stöhnten. Aber sie ehrten sie, weil sie irgendwann merkten, dass sie lernten, im Leben zu bestehen. Sie lernten, dass der Lehrer mit Sicherheit hasste, immer und ewig dieselben Tests und Klassenarbeiten zu korrigieren, dass er aber seine Freude an ihrer Entwicklung hatte, dass er sie als Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sehr ernst nahm und dass er sie deshalb sicher und bestimmt führte. Führte, weil er doch wusste, wohin der Weg gehen sollte. Und wohin er nicht geht, wenn er nicht gezeigt wird.

Der Abschied von diesen Lehrern fiel schwer, sehr schwer, und es blieb lebenslange Dankbarkeit für solche väterlichen Lehrer. Für die Lehrer-Kumpel blieb, so sie nicht vergessen wurden, nur ziemlich viel … - ach, lassen wir es.

Wer irgendwelche Parallelen findet, darf sie behalten.

JV

 

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