Civitas Institut

So nicht, Eminenz. So nicht! PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, den 01. Februar 2012 um 18:22 Uhr

Die katholische Nachrichtenagentur KNA zitiert S.Em. Reinhard Kardinal Marx: „Zugleich warnte der Kardinal davor, die „gute alte Zeit“ zu verklären und als Maßstab für ein intaktes Glaubensleben zu nehmen. „In einem Land, wo wahrscheinlich die Kenntnis der Zehn Gebote intensiver war als heute, wo die Ehen stabiler waren, wo der Kirchenbesuch erheblich über unserem heutigen lag, ist der größte Zivilisationsbruch aller Zeiten passiert“, sagte Marx mit Blick auf Nationalsozialismus und Holocaust im Deutschland der 1930er- und 1940er-Jahre".

Eine solche Aussage ist eines Kardinals der römischen Kirche unwürdig. Sie zeugt von verworrenem Denken, sie zeigt (man darf wählen) entweder eine völlige Unkenntnis der historischen Tatsachen oder aber eine ganz besonders böswillige Verzeichnung eben dieser Tatsachen.
Verworrenes Denken – was hat denn, bitte, die Blüte des katholischen Lebens in den ersten Jahrzehnten des in der Tat grauenhaften 20. Jahrhunderts mit dessen Grausamkeit zu tun, was hat diese Blüte mit dem Aufkommen und der mörderischen Wirklichkeit des nationalen Sozialismus zu tun?
Wer dieses beides in öffentlichen Äußerungen in einen Zusammenhang bringt, muss verworren denken: war es denn nicht die Kirche, deren Kardinal Reinhard Marx ist, die sich mit größten Opfern dem nationalen Sozialismus entgegengestellt hat?
An dieser Stelle ist zu fragen, ob S. Em. Kardinal Marx noch nie von den Rettungsaktionen von kirchlicher Seite gehört haben kann, ob er noch nie Pius XI. Enzyklika „Mit brennender Sorge“ gelesen hat, ob er nicht weiß, dass in den katholischen Gebieten Deutschlands die Wahlergebnisse der nationalen Sozialisten erfreulich geringfügig waren? Kennt S. Em. Kardinal Marx die einschlägige Literatur nicht? Weiß er wirklich nicht, dass tausende katholischer Priester in den Konzentrationlagern der nationalen Sozialisten gelitten haben und gestorben sind? Hat er noch nie vom heldenhaften Widerstand des Familienvaters und christlichen Gewerkschaftlers, des sel.  Nikolaus Groß aus Niederwenigern bei Hattingen gehört? Von jenen unzähligen Katholiken, die Widerstand geleistet haben? Von dem verehrten Löwen von Münster, dem sel. Clemens August Kardinal Graf von Galen?
Wenn er davon weiß (wovon auszugehen ist): warum sagt S. Em. Kardinal Marx solche für Katholiken unerträglichen Sätze?
Und woher hatten alle diese Katholiken Kraft und Mut zum Widerstand? Eben aus der Kenntnis der katholischen Glaubenslehre und aus der Praxis des unverfälschten, unverkürzten katholischen Glaubens heraus, und aus sonst nichts. Und das wird von S. Em. Kardinal Marx bewusst oder unbewusst geleugnet, gar: auf verdächtige Weise in einen gänzlich falschen Zusammenhang gebracht. Ist das Absicht?
Dass auch in „katholischen“ Kreisen das Glaubenswissen rasant abnimmt (wir wollen das beschönigend ausdrücken), dass auch hier Ehen „geschieden“ werden, dass der Kirchenbesuch sich den erschreckenden protestantischen Zahlen annähert, das ist evident, und die Gründe dürften in einer Krise der Kirche liegen, die von berufener Seite als eine Krise der Bischöfe bezeichnet worden ist. Der Beweis ist nur allzu deutlich.
Es ist nur allzu deutlich, dass auch und gerade in unserem Vaterland kompetente und mutige Kirchenfürsten so dringend gebraucht werden. Den bewusst oder unbewusst verzerrenden Äußerungen S.Em. Kardinal Marx ist ein entschlossenes: „So nicht, Eminenz. So nicht!“ entgegenzuhalten.
JV

 

 

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