Civitas Institut

Wir erinnern an... Emmanuel Goldstein PDF Drucken E-Mail
Samstag, den 19. November 2011 um 08:04 Uhr

Emmanuel Goldstein war überzeugtes Parteimitglied. Nach der Revolution jedoch warf er der herrschenden Partei vor, von ihren eigentlichen Prinzipien abgewichen zu sein und die Ideen der Bewegung verraten zu haben. So wurde Emmanuel Goldstein zum Staatsfeind Nr. 1 und zum Objekt der staatlichen Propaganda.

In den Medien wurde Goldstein zum Hassobjekt erklärt, seine nur scheinbare und äußerliche Freundlichkeit und Aufrichtigkeit wurde von ihnen entlarvt. Nach einer gewissen Zeit reichte bereits das Auftauchen seines Gesichtes auf Bildschirmen und Leinwänden, um nach Art des pawlowschen Reflexes wütende Reaktionen der Bevölkerung hervorzurufen. Der Zorn der Bevölkerung entlud sich in öffentlichen Demonstrationen gegen ihn und gegen die von ihm ausgehende Bedrohung.

In einem Buch hatte Goldstein das von der Partei errichtete und durchgesetzte Herrschaftssystem offen geschildert; mit seinem Buchtitel bezeichnete er es als „Die Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus“. Seitens der Partei wird insgeheim zugegeben, dass die Aussagen des Buches zutreffen, dass die Umstände aber nicht geändert werden können.

Manche glaubten (und glauben), Goldstein habe gar nicht (mehr) existiert – vielmehr sei er als Feindbild, als Sündenbock, als den Bevölkerungszorn ablenkender, umleitender Blitzableiter äußerst nützlich gewesen.

Zweifel kamen auch einem unbedeutenden, deshalb unbekannten und doch gut überwachten Ministeriums-Mitarbeiter mit Namen Winston Smith. Durch seine Tätigkeit für Archive und Bibliotheken (er glich Informationen wie Statistiken, Pressemeldungen, Reden etc. an die jeweils veränderte Wahrheitslage an – um nicht zu sagen: er fälschte sie im Auftrag der herrschenden Partei) war er der veröffentlichten Realität gegenüber sehr skeptisch geworden, konnte aber durch den Einsatz sehr intensiv wirkender Argumente seitens des Staatsschutzes davon überzeugt werden, dass es nicht auf die Wahrheit ankommt, sondern darauf, die Bevölkerung durch beständige Kontrolle der Vergangenheit, der Sprache usw. an Gedankenverbrechen zu hindern. Ab diesem Zeitpunkt war Smith sich bewusst, dass es eine ehrlich zu glaubende offizielle Wahrheit gibt, ebenso wie eine Wahrheit, die dieser offiziellen Wahrheit widersprechen kann – und dass man widerspruchsfrei zwischen beiden Wahrheiten „umschalten“ können muss, weil es eine objektive Wahrheit außerhalb der Partei nicht gibt.

Der Roman „1984“ von George Orwell, aus dem diese beiden Romanfiguren stammen, gehörte bis vor ganz wenigen Jahrzehnten zum Kanon der in der gymnasialen Oberstufe zu lesenden Werke im Fach Englisch; gerne wurde auch sein kleines Werk „Animal Farm“ - „Die Farm der Tiere“ gelesen. Beide Werke schildern natürlich rein fiktiv, spannend und sehr komplex die Entwicklung und den Mechanismus von Diktaturen, analysieren messerscharf, was geschehen könnte, wenn demokratische Strukturen durch Meinungs- und Denkkontrolle (auch durch manipulierende Beherrschung der Sprache) ausgehebelt würden. Neben ausgezeichneten neuen Übersetzungen gibt es von beiden auch sehr angemessene Verfilmungen.

Die Lektüre bzw. das Anschauen der Filme wird unbedingt empfohlen; es kann gegen mögliche Fehlentwicklungen immunisieren, zumindest aber aufmerksam und wachsam machen.

JV

 

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